Quellrock Open Air 2016

geschrieben von Christoph Stöckli

Die Ruine lebt und bebt

Weit und breit keine Festivalstimmung, als ich mit dem Zug in Bad Ragaz eintreffe. Das ist eigentlich auch gut so. Wenn die Menschen wüssten wie viel Herzblut und Liebe zum Detail sie auf dem Freudenberg erwartet, würde der Bahnhof Bad Ragaz versinken in Fans der gepflegten Festivals.

Gleich vorweg: es tut mir leid, ich kann nur schwärmen vom Quellrock. Schon die Fahrt mit dem Shuttlebüssli ist eine einzigartige, familiäre Sache. Die Fahrerin grüsst fast Jeden, der unseren Weg kreuzt. Nach 5 Minuten Fahrt schäme ich mich ein wenig, die Strecke nicht zu Fuss bewältigt zu haben. Beim Aussteigen schallt bereits der Soundcheck vermischt mit Hip-Hop- Klängen aus dem Festivalclub hinab. Die vertraute akustische Begleitung durch einen OpenAir- Tag. Auf halbem Weg zu Fuss den Ruinenberg hoch wartet ein herziger Zeltplatz, gelegen auf einem kleinen Plateau, welches wie angeklebt am Hügel prächtige Aussicht aufs Rheintal bietet. Aber auch hier wird Depot auf den Ghüdersack und das Zelt verlangt. Wie die Grossen. Ich richte mich auf der Kuhwiese ein zwischen aus dem Boden ragenden Felsbrocken und Wildkraut - und dem Trasseband, welches die Wege markiert. Plötzlich fangen ein paar Camper an, Happy Birthday für ihren Kollegen anzustimmen. Und wie eine Welle schwappt diese Melodie zwischen den Zelten hindurch, der ganze Platz singt auf einmal mit. Wunderbar.

Beim Eingang zum Gelände links Felsen, rechts Absperrgitter mit Sponsorenbanner: Käppeli, Schützengarten, Sarganserländer. Das tönt anders als RedBull, Heineken und SRF. Aber viel sympathischer, ehrlicher und intimer. Gut, die UBS ist Hauptsponsor und das Migros-Kulturprozent unterstützt die Talentbühne "Startrampe". Aber eben, alles wie bei den Grossen, nur kleiner. Ich bereue es keineswegs, dass ich gekommen bin und werde mir den Freitag am Quellrock reinziehen.
Das LineUp verspricht viel: die soulige Stefanie Heinzmann, der krachende Danko Jones, die auferstandenen Hip-Hop- Churer von Breitbild. Und genauso läuft's ab. Stefanie nimmt die Fans in der Mini-Rasenarena vor der Hauptbühne gleich zur Brust mit ihrer guten Laune Der warme Sound, welcher der Mischer Stefanies deutscher Band entlockt passt perfekt zur Ambience in dieser Ruine. Und natürlich merkt man deutlich: diese Herren können etwas. Diese musikalische Leistung wird den ganzen Abend lang nicht mehr überboten. Auf der Startrampe haben zwei Rockbands die Leute zu überzeugen versucht. Es winkt ja dem Startrampen-Gewinner ein Auftritt auf der Hauptbühne, wie dieses Jahr den einheimischen Call the Grizzly, welche mit ihrem furiosen Punk-Rock den Freitag einrockt haben. Beinhart, drivig und mit viel Enthusiasmus. Super! Nach einem Deluxe-Burger im Festzelt, das adäquat mit Felswandblachen eingekleidet ist, kehre ich zur Hauptbühne zurück. Kurz nach 22:00Uhr legt hier Danko Jones mit seinen zwei Bandkollegen die Bühne in Schutt und Asche, wie immer laut, extrem rau und Bolzen-geradeaus. Es bläst einen fast weg ab dieser Energie welche die Dunkelheit mit grellen Gitarrenwänden anzuschreien scheint. Zwischendurch kann ich mich an 4 Marktständen umsehen, ob ich ein T-Shirt selber drucken oder lieber ein Cap mit Logo kaufen will. Ich entscheide mich fürs T-Shirt mit Steinbock-Kopf, schliesslich sind wir hier nicht weit weg von den Bündner Bergen.
Rüber zum Festivalclub geschlendert, tauche über Holzpaletten hinab ins bumsvolle Vergnügen, richtiggehend an den Felsen gebaut und mit riesigen Zeltplanen abgedeckt. Eine wundersame Atmosphäre, pumpende, flüssige Beats und schnelle Bar. Ideal für diesen Ort. Zum Abschluss bringen die Rap-Urgesteine Breitbild mit den Songs ihres fünften Albums die Ruine ins Schwanken. Die Stimmung der Fans schwappt gleich über und die fünf Freunde aus Chur haben sichtlich Spass daran, endlich wieder für Publikum abzugehen. Und wie. Es tut mir leid, ich kann nur schwärmen fürs Quellrock.
Nach einem kurzen Blick über die niederen Burgmauern auf das beleuchtete Bad Ragaz hinunter, mache ich mich auf den Weg zu meinem Zelt zurück. Inzwischen recht voll, ist dieser Zeltplatz wirklich zu einem lebendigen Nebenschauplatz geworden. Bei einem Party-Pavillon sind fast rund um die Uhr 20-30 junge Einheimische um eine Feuerschale. Friedlich, glücklich und verladen. Alles stimmt hier. Die paar Regentropfen am Nachmittag und nachts gehören dazu. Und irgendwann nachts um 3Uhr ruft tatsächlich noch Einer "Helgaaaa!!!" Eben, wie bei den Grossen. Als ich am nächsten Morgen, diesmal zu Fuss, den Bahnhof erreiche, ist die Festival-Stimmung wieder wie weggeblasen. Und das ist irgendwie gut so.